Bildschirme im Baum

Es gibt die Berliner, und es gibt alle anderen, das merkt man sogar an solchen Allerweltsthemen wie den Jahreszeiten. Angenommen, ein Stadtmensch sehnt sich nach dem Frühling und will das öffentlich kundtun – was käme dabei wohl raus?

Alle anderen, also zum Beispiel Leute aus Stuttgart, Köln oder München, würden in so einem Fall wahrscheinlich Schneeglöckchen pflanzen oder ein paar Verse über den Lenz dichten. In Berlin dagegen hängen sie zwei bemalte Computerbildschirme in einen Baum und schreiben darunter “Let it be spring again”. Das seltsame Verhalten deutscher Hauptstädter zur Winterzeit.

So weit die Fakten: Am Maybachufer Ecke Schinkestraße steht ein Baum, aus dessen Krone seit einigen Wochen besagte Monitore auf die verdutzten Passanten herabblicken. Der eine schweinchenrosa und quietschvergnügt, der andere himmelblau und zähnefletschend. Am Stamm darunter, sorgfältig von Hand gemalt und mit pinkfarbenem Glitter verziert, prangt das Plakat mit dem Wunsch: “Lass es wieder Frühling werden”. Zwei Blüten, den Pril-Blumen nicht unähnlich, verzieren das Werk. Sonst ist da nichts, keine Erklärung, keine Signatur und auch sonst kein Hinweis auf den Urheber.

Für die meisten Passanten ist diese Straßenkunst ein komplettes Rätsel; für Michael Groß ist es nur ein halbes. Der 37-Jährige ist Gründer und verantwortlicher Organisator des “Nowkoelln-Flowmarkts”, der sich seit zwei Jahren regelmäßig sonntags am Maybachufer erstreckt: Viele meist junge Menschen aus Kreuzberg und Neukölln, Alteingesessene und Zugezogene, Musiker, Künstler und Designer, bieten hier ihre Waren feil – von Second-Hand-Mode aus dem Privatfundus über Kinderspielzeug bis hin zu handgemachten Designobjekten. “Die Mischung macht den Flohmarkt so besonders”, sagt Groß, und “die charmante Örtlichkeit”: Auf der Kanalterrasse zwischen Friedel- und Panierstraße reihen sich mehr als hundert Stände auf, manche etwa auch mit Spezialitäten aus der französischen oder italienischen Küche; dazu spielen Musiker aus dem Kiez – ein bunter Mix aus Volksfest und Trödelmarkt.

Was das alles nun mit den Bildschirmen im Baum zu tun hat? Michael Groß kennt die Lösung: “Das sind die guten Geister des Flohmarkts.” Bei dem “Nowkoelln”-Trödelfest, erklärt er, seien immer viele Künstler dabei, die öfters mal etwas Kreatives ausbrüten – und denen in der alljährlichen Winterpause offenbar langweilig war. Als Groß jedenfalls eines Dezembertags am Kanalufer entlang lief und das kuriose Gebilde entdeckte, war ihm ziemlich schnell klar, dass der kleine Gruß an die Trödler gerichtet ist – und dass der Wunsch “Let it be spring again” sich weniger um die Jahreszeit, sondern vielmehr um den Start in die neue Flohmarkt-Saison dreht. Die beginnt übrigens voraussichtlich zum Frühlingsanfang, im März oder April; dann wird vielleicht sogar zwei Mal monatlich getrödelt, die Nachfrage ist laut Groß groß.

Allerdings: So ganz konnte auch der “Flowmarkt”-Chef das Geheimnis im Baum nicht lüften. Denn wer genau die Monitore jetzt aufgehängt hat, und wieso ausgerechnet zwei Flimmerkisten zur “ständigen Vertretung” geworden sind – “das”, sagt Michael Groß und grinst, “ist mir selbst ein Rätsel.”

via morgenpost.de

Bookmark and Share 20. Februar 2012 Presse

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